Sonntag, 9. August 2015

Das Meer und das Mädchen

Sie läuft am Meer entlang. Der Sand ist kühl, das Wasser kälter. Angenehm. Es ist Nachmittag und immer noch warm von der unerbittlichen Mittagssonne. Die Erfrischung tut gut. Kurz bleibt sie stehen und dreht sich um: Sie hat eine Spur hinterlassen, im feinen Sand. Man kann genau erkennen, wo sie mal war, auf dieser Welt. Dann legt sich eine seichte Welle über den Sand und verwischt die Abdrücke. Es bleibt nichts von ihren Fußspuren zurück, aber eine Muschel wird angeschwemmt.
So ist das, denkt sie. Einer geht, ein anderer kommt und vielleicht bleibt er länger als man selbst.
Sie geht weiter, bis zu dem kantigen Stein, der wie eine Klippe wirkt. Sie setzt sich und stützt sich mit den Händen auf dem Stein ab. Er fühlt sich schroff an, aber auch schön, so unvergänglich. Das Wasser schwappt großzügig über ihre Füße und die Gischt hinterlässt Schaum an ihren Beinen. Eine Weile sitzt sie so da und beobachtet entspannt die wiederkehrende Welle. Wie verlässlich, denkt sie. Dieses Meer wird immer hier sein. Und ich sitze hier und sehe es mir an, wo ich doch nur ein Besucher bin. Das Meer ist so alt, ich bin so jung. Diese riesige, unendlich scheinende Wassermasse ist schon viel länger hier als ich. Wenn ich tot bin, dann wird jemand anders hier sitzen und dieses Wasser betrachten. Einfach jemand anders.
Fast spürt sie, wie andere Hände sich auf ihre legen. Natürlich sind da keine, aber irgendwann werden sie da sein. Ein Mensch wird hier sitzen und womöglich denken, dass vor ihm schon mal jemand hier war...
Es fühlt sich gut an, hier so zu sitzen, richtig gut. Zufrieden gräbt sie ihre Füße in den Sand, spürt ihn zwischen den Zehen, bis ihre Beine ausgestreckt sind.
Wie viele Tiere wohl in diesem Wasser sind? Krebse, Muscheln natürlich oder auch Plankton. Könnte doch sein, dass sich nur ein Stück unter ihren Füßen ein Krebs eingerichtet hat, weiß es doch niemand. Hallo Krebs, flüstert sie lächelnd, auch wenn sie sich dabei etwas seltsam fühlt. Genauso könnte auf den anderen Seite der Erde gerade jemand genau an dieser Stelle stehen. Oder ein Schiff könnte darüber fahren. Sie wird das nie wissen. Vielleicht ist sie ja irgendwann mal drüben, auf der anderen Seite und denkt das Gleiche.
Immerhin war ich jetzt schon mal hier, überlegt sie, während sie ihren Blick über die riesige Wassermasse vor sich schweifen lässt, wobei ihre Augen von dem Spiel des blitzenden Wassers geblendet werden. In New York hetzt gerade bestimmt jemand , um seinen Zug zu bekommen, irgendwo auf der Welt schläft jemand und träumt. Vielleicht auch vom Meer? Und ich sitze hier. Wenn es eine Landkarte gebe, wo überall eine rote Linie ist, wo ich schon mal war, dann wäre hier jetzt auch eine. Wieder ein Stückchen mehr von den Welt gesehen.
Sie schließt die Augen, sieht lila und gelbe Punkte und atmet tief ein. Es reicht salzig und nach grünen Algen. Einfach wunderbar. Sie mag das Gefühl wie sich ihr Brustkorb aufbläst.
Wenn doch die ganze Welt für mich schon wie ein rotes Wollknäuel wäre.
Auf einmal fährt der Wind in ihre langen Haare und weht ihr die braunen Strähnen ins Gesicht, das kitzelt, sie bekommt eine Gänsehaut. Als wollte er sagen: Dann geh doch. Geh doch durch die Welt und schau sie dir an. Etwas Zeit bleibt dir ja noch, fast 1000 Monate.
Sie steht auf und genießt noch ein Mal den wunderbaren Anblick, horcht auf das Rauschen der schaumigen Wellen, bis sie sich umdreht, dem Meer den Rücken kehrt und langsam geht.
Vielleicht sehen wir uns ja noch mal.



Dieses Bild ist an der Ostsee entstanden, wo ich im Urlaub einen Tag lang war. Ein Urlaubspost wird noch folgen.
Das Mädchen bin nicht ich, obwhl ich zugegebenermaßen viele Ähnlichkeiten hätte. Nun ja, diese Kurzgeschichte ist schließlich auch durch meinen Besuch inspiriert.
Übrigens hat man 1200 Monate wenn man 100 Jahre alt wird. Das Mädchen ist also circa 17, natürlich könnte sie auch älter sein.

Kommentare:

  1. Wow, die Kurzgeschichte ist so richtig toll :)
    Ich habe die ganze Zeit überlegt, ob du von dir selbst redest...

    Also bleiben mir vielleicht noch 1000 Monate... gut zu wissen.

    Liebe Grüße

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    1. Danke =)
      Ja, eigentlich sind 1000 Monate noch viel =)

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  2. Die Kurzgeschichte ist wunderschön! Ich finde das Meer immer wieder faszinierend, schon unsere kleine Ostsee und die großen Ozeane erst recht. Wenn ich es mir aussuchen könnte, ich würde nicht fliegen, sondern unter Wasser atmen wollen.
    Fändest du es in Ordnung, wenn ich die Zeile "Das Meer ist so alt, ich bin so jung" in meinem nächsten Post zitiere (mit Link natürlich)? Nur vielleicht, ich weiß noch nicht, ob es passt, aber das klingt so schön! Ich bin gerade nämlich auch dabei, ein paar Ostseefotos zu bearbeiten.

    Ich kopier meine Antwort hier nochmal rein:
    Ist die Frage, ob ich das, was ich jetzt studieren möchte, in drei Jahren noch richtig finde - aber dann kann ich immer noch was Anderes machen. Ich merke immer wieder, dass es oft nicht so läuft wie gedacht; meine Mutter hat Grafikdesign studiert und arbeitet jetzt hauptsächlich als Journalistin, gerade heute wurde ein Blogpost veröffentlicht, in dem die rosa-Kleidchen-Elfen-Fotografin erklärt hat, dass sie sich damit nicht mehr identifizieren kann und nicht mehr fotografiert ... mal schauen, was aus mir wird. :)
    Ich hab die erste und zweite Klasse in einem Jahr gemacht, deswegen bin ich immer ein bisschen jünger.
    Ich konnte für die Beutel leider auch keinen Online-Shop finden, kann gut sein, dass man die leider nur vor Ort kaufen kann ... Echt schade, die Motive sind wirklich wunderbar.

    Alles Liebe und nochmal großes Kompliment für die Geschichte,
    Mara

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    1. Freut mich sehr, dass dir die Geschichte so gut gefällt! Ich würde mich sehr geehrt fühlen, wenn du daraus zitieren möchtest. =)
      Unter Wasser atmen ist auch eine super Idee - dann würde sogar ich tauchen und schwimmen mögen.

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Ich freue mich sehr über jeden Kommentar und auch hilfreiche Kritik!