Donnerstag, 23. November 2017

Poetry

Letztens hatte ich die Möglichkeit, bei einem Chorabend mit einigen Texten aufzutreten. Über diese Einladung habe ich mich sehr gefreut und zwei der verfassten Texte möchte ich euch hier vorstellen.

Das Thema des Chorabends war "Zeitreise". Was verbindet ihr mit diesem durchaus tiefgründigen Wort? Mir ist es nicht  leicht gefallen, einen Text zu einem bestimmten Thema zu schreiben, daher habe ich auch versucht, nicht zu verkrampft daran festzuhalten.
Hier sind meine Ergebnisse, ich hoffe, der ein oder andere Gedanke daraus kann euch nachdenklich stimmen.



Gedankenstrom
Heute schreibe ich Geschichte.
Meine dritte Klausur dieses Jahr.
Ich sitze an dem Holztisch und denke über den Nationalsozialismus nach. Die Frage nach Idealen der NS-Regierung steht auf dem Blatt.
Ich sehe auf die Uhr. Die Zeit steht. Durch den Sekundenzeiger fährt noch ein leichtes Zucken, ein letzter Hauch an Energie, alle zwei Sekunden zittert er, aber die Kraft reicht nicht aus, um weiter zu kommen. Die Menschheit zuckt genau so. Sucht nach etwas, immer, jeder, überall wird gesucht. Nach einem Sinn des Lebens. Nach dem Grund des Vorhanden Seins, aber es gibt keinen. Außer den logischen, ersten, einfachen Grund der Biologie: Mein Herz schlägt, es drückt mein Blut durch die Adern, bringt Sauerstoff in meine Zellen, der dort gebraucht wird. Etliche Reize strömen auf uns ein, jeden Moment des Lebens. Aber jeden Moment kann ich in zwei einzelne aufspalten und diese beiden wieder und wieder und wieder. Also ist da doch eine Unendlichkeit, die dazwischen liegt, zwischen dem einzelnen Moment, den man teilen kann.
Es gab schon so viele Menschen auf der Erde. Und alle haben versucht, sich einen guten Reim auf das Vorhanden sein zu machen. Faust, Lenz, Goethe, Schiller, das sind ein paar große Namen. Aber ich könnte auch andere nennen, Klaus und Peter und Lisa, aber die kennt niemand und niemand will sie kennen. Doch alle haben nachgedacht, nur zu einem brauchbaren Ergebnis gekommen ist scheinbar noch niemand, denn sonst könnte ich irgendwo Antworten auf diese Fragen nachlesen.
Die Zeiger der Uhr zeigen auf Zahlen und mehr nicht. Das sind auch nur Dinge, die mal jemand festgelegt hat. Aber eigentlich lässt sich Zeit doch nicht messen. Manche Zeit vergeht auch schneller als andere, da haben Uhren eine echte Schwachstelle, denn das zeigen sie nicht an.

Auf meinem Blatt steht noch nichts. In vierzig Minuten soll ich fertig sein, sehe ich auf meiner Armbanduhr, aber ich kann nicht, weil es so viel zu denken gibt und so viel zu bedenken. Außerdem kann ich vielleicht langsamer denken, als mein Sitznachbar, trotzdem haben wir beide genau gleich viel Zeit, das ist ungerecht. Ihm könnte mehr einfallen. Aber das ist gar nicht das eigentliche Problem, nein, das eigentliche Problem ist, dass ich nur ein paar DIN A4 Seiten habe, auf die ich schreiben kann, obwohl es doch so viel zu sagen gibt. Ich bin ganz erdrückt von dieser Last und weil ich einfach nicht weiß, wo ich anfangen soll, fange ich gar nicht erst an.
Noch dreißig Minuten.
Denn da wäre noch eine Aufgabe: Ich soll ein Ereignis in den geschichtlichen Zusammenhang einordnen.
Ich könnte schreiben, es begann mit dem Urknall. Aber ich glaube, das ist gar nicht gewünscht. Natürlich könnte ich auch schreiben, dass damals blaue Augen als gut galten und wie Hitler an die Macht kam, aber ich habe da so ein Gefühl, dass ich da nie genug sagen kann und immer etwas fehlen wird. Weil ich nie wissen kann, wieso genau die Leute slawische Völker ausschlossen, ich kann mir das nicht vorstellen, wieso man soetwas tut. Wer bin ich, auf so eine Frage eine Antwort zu geben, die man mit 15 Punkten bewerten kann? Das übersteigt meinen Horizont.
Der geschichtliche Zusammenhang ist auch für jeden unterschiedlich. Es ist verrückt dass dieselbe Zeit für den einen Menschen so graunvoll und für einen anderen so wunderbar sein kann. Man ist zur falschen Zeit am falschen Ort oder hat einfach Glück gehabt.
Es stresst mich, wie alle etwas schreiben, wie alle versuchen, 20 Jahre Zeitgeschichte, die aus einer unendlichen Unendlichkeit besteht, aus tausenden und abertausenden Momenten, in dieses Heft zu quetschen. Die Uhrzeit an der Wand hat sich nicht verändert. Weil die Uhr steht. Und trotzdem ist Zeit vergangen und ich bin meinem Tod wieder näher gerückt. Auch wenn ich erst in neunzig Jahren sterbe, aber jetzt habe ich schon wieder Sekunden verloren. Sekunden, die ich hier sitze und versuche, etwas Unverständliches in Worte zu fassen, was mir nicht gelingt.
Aber ich kann mir sicher sein - ziemlich sicher, denn wirklich sicher kann man sich nie sein -, dass ich in einhundertfünfzig Jahren nicht mehr leben werde.
All diese Flut, diese Wucht, dieser Sturm an Gedanken droht mich zu ersticken. Ich versuche, irgendwie aus diesem Wirbel zu entfliehen, während ich an meinem kleinen, beschränkten Tisch sitzen und still sein muss.
Ruckartig stehe ich auf und gehe nach vorne, ich halte dem nicht länger stand. Obwohl ich weiß, dass ich meine Gedanken nicht loswerden kann, nur weil ich den Raum verlasse, dafür bräuchte ich einen anderen Kopf. Aber ich kann nicht mehr, ich brauche jetzt Ablenkung.
Ich gebe meinen einzelnen Zettel ab, auf dem steht: Ich kann das nicht sagen.




Früher war alles besser

War früher wirklich alles besser?
Meine Oma ist davon jedenfalls überzeugt.
„Früher hat man kein Essen weggeworfen, da konnte man sich das nicht leisten.“
„Aber ist das wirklich besser? Heute hat man wenigstens genug zu essen, darüber könntest du dich doch eigentlich freuen für mich.“
Sie weiß, dass ich Recht habe, aber statt sich für mich zu freuen, wechselt sie lieber das Thema.
„Aber die Sprache verfällt ja auch immer mehr“, sagt sie dann. „Früher hieß es immer, wegen des Unfalls oder wessen Jacke ist das?“, heute fragt man „Wem seins ist das?“
Und wir kennen das ja, wir haben das wohl alle schon mal gesagt oder haben uns darüber aufgeregt, dass andere es gesagt haben.
Aber, das muss ich hier jetzt mal festhalten, als Germanistik Studentin, um den Bildungsauftrag zu erfüllen oder mir selbst das Gefühl zu geben, dass mein Studium durchaus sinnvoll ist: Früher war auch die Sprache nicht besser. Früher schrieb jeder einfach so, wie es ihm passte und andere schrieben wieder anders. Sowas richtig Einheitliches gibt es eh erst seit etwa 1880.
Das sage ich dann zu meiner Oma, aber trotzdem findet sie etwas, was früher bestimmt besser war.
„Ach, damals hatte man noch so angenehme Probleme.“, sagt sie. „Als Kind, da hat man sich mit den Geschwistern gestritten, aber am Ende war einfach alles wieder gut.“
Also denke ich an meine Kindheit und an meine Geschwister. Damals war ich die Jüngste von uns, und das bin ich wohl auch immer noch. Und deswegen wurde ich oft geärgert, hochgehoben und in andere Zimmer getragen, weil man das ja mit der Kleinsten so machen kann. Und heute, heute habe ich eben meine WG Mitbewohner, die den Briefkastenschlüssel ganz oben ins Regal legen oder sich mit ihren Ellenbogen auf meinen Kopf stützen können, weil ich eben noch immer die Kleinste bin. Und das ist okay und eigentlich ganz witzig. „Im Vergleich dazu war das früher viel schlimmer.“, sage ich zu meiner Oma, doch sie schweigt.
„Naja“, fährt sie fort, „Früher gab es wenigstens nicht diese Filme mit so viel Mord und Totschlag. Die Jugend stumpft ja total ab, heutzutage.“ „Die Jugend“, nicke ich, „immer diese Jugend. Du kennst doch das Märchen von Rotkäppchen, oder?“ „Ja, natürlich!“, sagt sie und gerät ins Schwärmen. „Das ist so ein schönes Ende, wie der Jäger die Oma und die Enkelin aus dem Bauch vom bösen Wolf holt! Da können sich die Kinder dran erfreuen, wenn man es ihnen vorliest.“ „Und wusstest du“, sage ich, „in der Erstfassung von dem Märchen gibt es dieses Ende gar nicht! Da frisst der Wolf einfach beide, fertig. Da hätten wir es jetzt sehr schlecht gehabt, Oma.“ Und das ist wirklich so, ich habe ein ganzes Seminar zu diesen Märchensachen. Und ich hätte mir als Kind von damals lieber eine andere Gutenachtgeschichte gewünscht. Von wegen die schlimmen Filme heute. Gab es alles auch früher schon! Nannte sich eben nur Märchen und wurde noch vorgelesen.
„Auch Köpfe spalten und Menschen erschießen gab es damals schon“, sage ich, „ich habe eine 15 Seiten lange Hausarbeit über diese Themen geschrieben!“ und ich denke daran, wie begeistert ich immer war, wenn mir wieder eine besonders blutige Todesszene untergekommen war, die ich gut in meiner Hausarbeit verwerten konnte. Davon sollte man übrigens nicht beim Essen mit den Eltern erzählen.
Sie wechselt dann schnell das Thema, weil sie nicht möchte, dass ich ihr die schönen Märchen madig rede. „Mit der modernen Kunst kann man aber auch nichts mehr anfangen. Weiße Leinwände oder schwarze Rechtecke! Was soll daran Kunst sein?“ Ich denke an mein Nebenfach Kunstwissenschaft und weiß sofort, was sie meint. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man darüber wirklich lange diskutieren kann. Zu lange.
„Wusstest du, dass man früher als Frau eigentlich gar nicht malen durfte?“ Das muss ich einfach sagen, weil es wirklich so war.
Sie seufzt entnervt. „Früher konnte ich wenigstens noch ungestört sagen, dass früher alles besser war! Da hatte ich keine Enkelin, die studiert und diskutiert.“
Und da muss ich ihr dann wohl Recht geben.
Aber was heute ist, wird später mal früher sein und dann sagt man „Früher war alles besser“ und meint damit Jetzt.

Kommentare:

  1. Die beiden Texte sind wirklich wunderschön geworden. Vor allem den zweiten mag ich richtig gerne.

    Bein Zeitreisen denke ich meistens zuerst an die Zukunft. Was wird es da wohl Neues geben?
    Aber am liebsten würde ich mal einen Tag im Mittelalter miterleben.

    Liebe Grüße

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    1. Der zweite gefällt mir auch besser =)
      Es wäre natürlich interessant, das mal zu erfahren. Ich denke bei Zeitreisen eher an die Vergangenheit, in die man zurückreisen und Dinge verändern könnte.
      Wieso grade im Mittelalter? Da hätte ich Respekt vor, stelle mir es eher unschön vor. Aber kommt ja auch sehr darauf an, ich welcher Situation man dann wäre.

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  2. wow. die Texte sind echt toll :) Es war mir eine Freude sie zu lesen, danke

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    1. Danke sehr =) Freut mich, dass sie dir gefallen haben!

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